Wer ans Preppen denkt, sieht oft den Einzelnen im Keller: Konserven, Wasserkanister, Gaskocher. Solidarisches Preppen dreht das Bild um. Nicht das Horten für mich und meine Familie steht im Mittelpunkt, sondern die Frage: Wer kann mir in meinem sozialen Nahraum Helfen oder ist auf Hilfe angewiesen und was können wir gemeinsam vorbereiten?
Die Grundidee
Preppen ist abgeleitet vom Englischen „to be prepared“ = für bereit sein bzw. dem englischen Pfadfindergruß Be prepared für „Sei bereit!“ oder „Allzeit bereit“. Solidarisches Preppen bedeutet: Vorsorge für Krisen wird zur Gemeinschaftsaufgabe. Ein Stromausfall, ein Hochwasser, eine Hitzewelle, eine Lieferkette, die ins Stocken gerät, oder eine psychische Krise – solche Lagen trifft nicht alle gleich. Wer allein lebt, alt ist, krank, wenig resilient ist und kaum Geld hat oder elaborierte Sprachcodes nicht kennt, braucht im Ernstfall am meisten Unterstützung und hat am wenigsten Reserven.
Deshalb setzt die Idee des solidarischen Preppens auf drei einfache Dinge:
- Kennen: Wir wissen, wer nebenan wohnt und wer Hilfe braucht. Das ist die wichtigste Vorsorge und kostet nichts.
- Teilen: Wir bündeln Vorräte, Werkzeug, Wissen und Fähigkeiten, statt dass jeder alles doppelt und dreifach anschafft. Ein Notstromaggregat, ein Kocher, ein Erste-Hilfe-Kurs für das ganze Haus.
- Absprechen: Wir legen vorher fest, wer was übernimmt, wo man sich trifft und wie man sich ohne Handy-Netz erreicht.
Der Unterschied zum selbstbezogenen Preppen: Dort gilt das Prinzip „Jeder für sich“. Fast durchgängig ist das dann verbunden mit Misstrauen oder Abschottung. Solidarisches Preppen setzt auf das Gegenteil. Vorsorge soll Beziehungen stärken, Grenzen werden durchlässig, und durch Kooperation sollen sich Schwächen des Einzelnen mit den Stärken der anderen so ergänzen, dass im Ganzen für alle Beteiligte Mehrwert entsteht.
Warum jetzt Preppen?
Dass Vorsorge wieder Thema ist, hat einen Grund: Im fortgeschrittenen Kapitalismus folgt eine Krise auf die nächste – Finanzkrise, Pandemie, Energiepreisschock, Hitzesommer, Flutkatastrophen, geopolitische Spannungen… Das System unterstützt ökonomisches Wachstum, Kapitalansammlung, Effizienz und Geschwindigkeit. Was sich rechnet, wird digital beschleunigt; Selbst Risiken werden kalkuliert und mit Geld versichert.
In diesem Klima bieten sich zwei Antworten an. Die erste ist die privatisierte: Jeder sichert sich selbst ab, wer es sich leisten kann, kauft Sicherheit ein. Das verlängert die Logik des Marktes in die Krise hinein und lässt die Schwachen allein. Sorgearbeit, Nachbarschaft und gegenseitige Hilfe – im Alltag oft unsichtbar und unbezahlt – die eigentliche Infrastruktur des Lebens gerät aus dem Fokus. Die zweite ist die solidarische: Wir behandeln Verletzlichkeit nicht als individuelles Versagen, sondern als gemeinsames Problem.
Solidarisches Preppen kann damit ein Gegenentwurf zur Vereinzelung sein: Es entschleunigt, indem es Zeit für Beziehungen einplant, und es baut das auf, was die Maßstäbe des Turbokapitalismus weggekürzt haben.
DNA – Die Neuen Alten als solidarische Prepper?
Wer solidarisches Preppen sucht, findet es oft dort, wo es sich nicht so nennt. „DNA – Die Neuen Alten“ bei SAGES eG ist ein Beispiel: Das Projekt verbindet ältere Menschen untereinander und mit Unterstützungsangeboten in Freiburg, lange bevor eine Krise eintritt. Vorsorge heißt hier aber nicht Vorratskeller, sondern ein tragfähiges Netz aus Beziehungen.
Die Bausteine passen zu den Krisen, die oben genannt sind:
- Stromausfall, Hochwasser, Hitzewelle: Offene Formate wie Philocafé, Liegendkonzert oder Rezeptewerkstatt lassen Nachbarschaften entstehen, in denen jemand nach der Hitzewelle oder dem Stromausfall an der Tür klingelt. Oder haben Sie schon von der intergenerationellen DNA-Aktion “Telefonisches Schwatzbänkle” gehört?
- Lieferkette und Versorgung: Das Zusammenspiel mit dem Helferportal für nachbarschaftliche Hilfe, dem Foodsharing-Café Freiburg und der Informationsinfrastruktur NeNa-ÖffnA macht Hilfsangebote auffindbar, statt dass jeder allein nach Lösungen sucht.
- Psychische Krise: Gesprächs- und Begegnungsformate wie die Frauengruppe „Gemeinsam stark im Alter“, die Meditations-Gruppe oder die Integrity Talks schaffen Orte, an denen man Sorgen aussprechen kann, bevor sie zur Krise werden. Einsamkeit ist ein Risikofaktor; Zugehörigkeit ist Vorsorge und Resilienz.
- Fähigkeiten teilen: Medienworkshops geben Wissen weiter, in Nachbarnetzen werden Probleme des Älterwerdens gemeinsam diskutiert und mit Notfallkarten (erhältlich im SAGES-Büro) in Notlagen wichtig vorbereitet – etwa zu wissen, wo verlässliche Menschen wohnen und wer zur Hilfe kommt.
DNA versteht Älterwerden dabei nicht als Defizit. Die „neuen Alten“ sind Mitgestaltende: Sie haben Zeit, Erfahrung und Netzwerke, die in Krisen tragen. Das ist solidarisches Preppen in seiner besten Form – Vorsorge von, mit und für Ältere.
Hinweis: Diese Lesart ist eine Deutung des Projekts, nicht seine Selbstbeschreibung; DNA nennt sich nicht „Prepper“.
Was man konkret tun kann
Der erste Schritt ist klein: Sich mit dem DNA-Rundbrief auf dem Laufenden halten, sich bei einer DNA-Aktion anmelden oder im Helferportal registrieren. Dann lassen sich Gleichgesinnte im sozialen Nachraum finden, lange bevor Vorräte, Werkzeug und Kenntnisse geteilt werden. Die Sozialgenossenschaft verbindet das über die Stadt, das Quartier oder das Dorf mit größeren Strukturen.
Das sind Formen von Nachbarschaftshilfe mit Weitblick, die die Krisenhaftigkeit unserer Zeit ernst nimmt, ohne ihr mit Angst oder Abschottung zu begegnen. Wer Vorsorge so versteht, baut das auf was in jeder Krise am knappsten ist: ein bunten Straus an Informationen, ein Netzwerk vertrauter Menschen und findet wenn nötig helfende Hände.

